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Alte Schärfe

von Sigrid Kriener
Gestern am Spätnachmittag, draußen war es schon dunkel, klingelte es an der Wohnungstür. Ich öffnete. Im kalten Treppenhaus stand, in gebührendem Abstand, ein kleiner grauhaariger Mann im Blaukittel. Es war offensichtlich, daß er mir eine Dienstleistung anbieten würde. Normalerweise wimmle ich Hausierer ab, wenn möglich. Doch der Mann hatte irgend etwas an sich, - war es die gepflegte Erscheinung oder der wache Blick seiner hellen Augen? - was mich veranlaßte ihn zu fragen, was es gäbe.

Er lächelte. "Raten Sie!" - "Scherenschleifer?" antwortete ich nach kurzem Zögern. Er nickte anerkennend. "Schon in der dritten Generation." Wie zur Bestätigung hielt er mir, umhüllt von einem angegrauten Putzlappen, einige Scheren und Messer entgegen. "Die mache ich für... äh... 4. Stock…Dr. ...äh..." Er deutete mit dem Putzlumpen in den Treppenschacht hinauf. - "Schilling?" - "Jawoll. Haben Sie auch etwas zu schleifen – Messer, Scheren?" Er sah mich von unten herauf an, abwartend und taxierend. Eigentlich wollte ich, wie gewohnt, mit "Nein, danke" antworten, doch bisher hatte ich mich jedesmal, kurz nachdem ich einen Scherenschleifer abgewiesen hatte, über stumpfe Messer und Scheren in unserem Haushalt geärgert. Also fragte ich vorsorglich nach dem Preis der Arbeit. Der Mann schüttelte unwillig den Kopf. "Zeigen Sie mir, was Sie haben, und ich sage es Ihnen dann." Ich ließ ihn an der Tür stehen und kramte schnell einige stumpfe Scheren und Messer zusammen. Der Scherenschleifer prüfte sie, indem er sie nach beiden Seiten wendete und mit dem Daumen behutsam die Schneide entlangfuhr. Er erklärte mir die verschiedenen Schliffe. "Das hier ist ein gutes Stück", sagte er und deutete auf eine lange Papierschere, die Rost angesetzt hatte. "Und die da auch." Er untersuchte eine Schere von mittlere Größe, "die kann ich Ihnen auf Stoff schleifen. Nicht wegwerfen!" "Das habe ich auch nicht vor", entgegnete ich. "Aber was ist denn Besonderes daran?" "Die ist alt", sagte er, "richtiges Metall. Schauen Sie mal. Das ist grau, so ein bißchen dunkel. Das ist gut. Kein Blech. Was oftmals so glänzt ist Blech." Dann griff er nach der Frisörschere. "Oh, was ist das? Ein Lehrschere ist das. Auch ein altes Stück. Da, an diesem kleinen Bügel stützte der Daumen. Bewegt wurde nur der Teil in den der Zeigefinger faßt." Er führte es mir vor. Ich nickte. - Unversehens fand ich mich wieder in dem dämmrigen Frisiersalons der 50er Jahre, mit dem wuchtigen Frisierstuhl, den ovalen Spiegeln. Haarwaschbecken, Trockenhauben, Lockenwickler. Haarsträhnen auf weißen Frisierumhängen und dem geflammten Linoleumboden. Ich hörte das Klappern der Schere. In den schmalen Regalen neben den Spiegeln, Behälter mit kleinen quadratischen Schampookissen, gelb, grün, eisblau. Ich schnupperte. Es roch nach Dauerwelle und Haarspray. An den Wänden Plakate mit Filmschönheiten, auf dem dreibeinigen Tischchen in der Ecke die "Mappe". Revue, Quick, Kristall, Stern. – Ich vertraute dem Mann meine Schätze an und trug ihm noch eine Bartschere hinterher. Nach etwas mehr als einer halben Stunde bekam ich alles zurück, wie es sein sollte. Nicht wie neu, aber scharf. Der Preis war angemessen. Sollte ich den Mann auf einen Tee hereinbitten? Ich überlegte. - "Das hält jetzt wieder für eine Weile." sagte der Scherenschleifer und winkte zum Abschied, als wären wir alte Freunde. Ich sah ihm nach bis die Haustüre hinter ihm zuschlug. Na gut. Dann eben im Frühjahr, wenn er das nächste Mal vorbeikommt.

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