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Kontinenz aktuell

Bild: urinierender Mensch
Bei dem Männerarzt meines Freundes, oh Entschuldigung, bei der Frauenärztin meiner Freundin habe ich eine interessante Zeitschrift entdeckt. Die wird nicht sehr bekannt sein. Eigentlich komisch, weil sie ja kostenlos ist, aber sie liegt nur in Arztpraxen aus und man greift nicht gerne danach, wenn andere Leute mit einem im Wartezimmer sitzen.
Von Robert Zobel

Auch ich schickte ein "Ach lustig" voraus bevor ich sie mir vom Tisch auf den Schoß legte. Schon der Name der Zeitung "Kontinenz aktuell" sagt schon alles. Kontinenz ist übrigens aus dem lateinischen und bedeutet: Fähigkeit, Stuhl u. Urin zurückzuhalten. Das habe ich noch sozialerweise für alle Vollhirnis hinzugefügt. Denn es gibt ja auch wahrscheinlich Menschen, die Kontinenz mit Kontinent verwechseln und sich dann denken: "Ui eine Zeitung wie Geo. Aktuelles von allen Erdteilen."

Herausgegeben wird diese Zeitschrift von der "Deutschen Kontinenz Gesellschaft". Die steht nicht einfach so in der Fußgängerzone und testet irgendwelche Blasen durch Handauflegen und die wird auch keine Call Center beauftragen, um durch Stimmerkennung einen Unterleibsdefekt diagnostizieren zu können. Nein, Vorsorge wird glaube ich, nicht so betrieben. Es geht vielmehr um Motivation der Kranken, Beistand und Hilfestellung.

Auf dem Titelbild gießt man mit einer Kanne gerade Wasser in ein Glas. Das ist ganz schön harter Tobak, weil wahrscheinlich alle Bezieher dieser Zeitung (Betroffene können sie sich für 10 Euro pro Jahr ins Haus bestellen) beim Anblick sofort am Genital zu schwitzen anfangen und in die Hose machen. Daneben steht "Trinken ist lebenswichtig". Richtig, aber urinieren ist auch lebenswichtig und bedeutet der Titel, dass manche Betroffene aufs Trinken verzichten, damit sie nicht einpullern? Das wäre bedrohlich. Eine Trockensucht also gleich der Magersucht. Man will nicht auffallen in der Gesellschaft mit seinem Leid und lässt deswegen lieber das Trinken.

Auf den nächsten Seiten erfährt man Dinge, die man nie wirklich gebrauchen will. Zum Beispiel kann man Probewindeln bestellen, die die Flüssigkeit noch schneller wegleiten (wohin auch immer). Es wird eine externe Harnableitung beworben. Sie ist besonders hautschonend und ist der Bettbeutel für eine geruhsame Nacht. Ich hab mal so einen Beutel gesehen. Das war an der Oma eines Onkels. Sie hat diesen Beutel immer an der Seite ihrer Schürze getragen und manchmal hab ich als Kind gesehen, wie noch mehr Flüssigkeit reingepumpt wurde. Damals fand ich das besonders eklig und gruselig. Heute finde ich das nur noch gruselig. Eklig nicht mehr so, weil ja Urin gar nicht so schlimm ist. Man bekommt nur Angst, dass man so was mal wirklich brauchen könnte. Ach ja noch mal zurück zu den Windeln. Wenn jetzt irgendwer diesen Text liest, der sich abends an die Schreibmaschine setzt und nach getaner Schreibarbeit plötzlich feststellt, dass seine Unterhose pitschnass ist: Hier kann er ein Gratismuster bestellen: www.abena.de.

Übrigens gibt es da auch noch eine ganz andere Werbung, die ich nicht so ganz kapiere. Es heißt "Die erfolgreichen Drei" und sieht aus, als wenn man sich etwas vorne in den Penis einführt oder nein, als wenn man seinen Penis in eine Plasteröhre legen und dann festbinden kann. Eine besonders hohe Füllmenge hält das Ding aber wohl nicht aus.

Ich will mich auch gar nicht über diese Krankheit lustig machen. Das würde ich mir auch gar nicht trauen. Man darf ja auch keine Behinderte nachmachen, weil man dann selbst so wird. Wobei es ja auch nicht schlimm wäre, wenn man ein behinderter wäre, weil die ja auch nur Menschen sind. Und Menschen mit einer Inkontinenz sind auch nur Menschen und man soll sie auch gar nicht blöd bemitleiden und wenn man sie nicht bemitleiden soll und darf, dann sollte man sie als ganz normale Bevölkerungsleutchen sehen. Wenn man sie aber dann so sieht, als einen von uns, dann kann man auch über sie Witze machen. Man kann ja auch über Floristen Witze machen oder über Leute mit Warzen oder metergroßen Narben auf der Handinnenfläche. Doch was kann man jetzt für Witze machen und will ich das? Nee will ich nicht. Dürfte man, aber macht man nicht.

Die restlichen Seiten laden zu etlichen Ärztekongressen mit Inkontinenzthemen ein und die Karten kosten auch gar nicht so viel. Ärzte bezahlen 50 Euro, Betroffene 20 Euro und Pflegekräfte 30 Euro. Gesunde Leute, die nicht irgendwie medizinisch oder journalistisch involviert sind, haben da wohl nichts zu suchen. Auf jeden Fall gibt es kein Kreuzchen auf der beigelegten Anmeldungskarte für den 17. Kongress in Stuttgart. Diskriminierung gesunder Menschen. Echt doll. Ich würde aber mal gerne wissen, ob die Betroffenen Ausweise vorzeigen müssen und ob es wirklich einen Inkontinenzausweis gibt. Kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass der neben der Scheckkarte in einer Brieftasche steckt und nur auf so einen Termin wartet.

Im Inneren bin ich jetzt auch noch mal auf das Titelthema gestoßen. Ich hab genau auf die Blase gedrückt. Ja, Harninkontinente trinken weniger weil sie hoffen, dass sie dann nicht einurinieren. Das ist sehr gefährlich und die Zeitung warnt davor. Und damit der Körper genug Flüssigkeit bekommt sollte man auf das Durstgefühl achten. Super Tipp. Apropos Tipp. Ich denke immer, dass Tipp mit einem P geschrieben wird und ich denke auch immer, dass Stopp Stop heißen muss. Warum? Habe ich ein "P"-Problem? Brauche ich eine Zeitschrift mit dem Namen "P-Konflikt aktuell".

Durch das Lesen in dieser Zeitschrift weiß ich von einem Thema wieder ein wenig mehr und kann mich gleich in irgendein Stammtischgespräch einmischen, wenn es denn um Inkontinenz geht.

Ich sollte mal eine Tour durch verschiedene Arztpraxen machen und nach anderen Zeitungen Ausschau halten. Wer weiß, was da noch für Diamanten schlummern.

Jetzt aber wünsche ich einen guten Uriniermuskel und verabschiede mich mit einem imaginärem guten Strahl.

Weitere Texte von Robert Zobel sind unter folgender URL zu finden:
www.robert-zobel.de


Informationen zum Thema Kontinenz erhalten Sie bei der "Deutsche Kontinenz Gesellschaft": www.kontinenz-gesellschaft.de

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