RODIN BEUYS
DIE SCHIRN KUNSTHALLE PRÄSENTIERT ZWEI GROSSE KÜNSTLER DES 19. UND 20. JAHRHUNDERTS IN EINER GEGENÜBERSTELLUNG
Beuys schuf in der Zeit von 1947 bis 1964 Hunderte Arbeiten auf Papier, die vom Stil, von der Technik und der Formensprache her Anklänge an Rodins Zeichnungen und Aquarelle aus den Jahren 1895-1910 aufweisen. Beiden Künstlern gilt in ihren grafischen Blättern der weibliche Körper als Inbegriff elementarer transformativer Naturkräfte. Obwohl einige Kunsthistoriker in den Aquarellen bereits Parallelen erkannt haben, wurden diese im dreidimensionalen Werk bisher noch nicht erforscht. Tatsache ist jedoch, dass Beuys sich mit Rodins Errungenschaften wie die Dynamisierung der Oberfläche und die Autonomisierung des Torsos beschäftigt hat, um sie in seiner Plastik auf eine neue Ebene zu führen. Anhand von über 130 Papierarbeiten und 35 Meisterwerken der Skulptur wird die Ausstellung die Bedeutung Rodins für das Schaffen von Beuys beleuchten. Zudem geht sie anhand von 15 Werken Beuys' intensiver Auseinandersetzung mit dem Werk von Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) nach, das seinerseits von dem französischen Meister inspiriert war.
Die Ausstellung "Rodin Beuys" wird durch die Hessische Kulturstiftung gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch die Fraport AG.
Obwohl das Werk von Joseph Beuys für die Erweiterung des traditionellen Kunstbegriffs und die Abkehr von fest gefügten Gestaltungsprinzipien steht, gibt es in ihm eine starke Affinität zum "traditionellen" Medium Zeichnung. Anlässlich seiner Teilnahme an der "documenta III" 1964, drei Jahre nach Antritt der Professur für monumentale Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, betonte Beuys in einem Interview die Rolle der Zeichnung innerhalb seines Werks: "Die Zeichnung ist für mich von besonderer Bedeutung, da in den älteren Zeichnungen bis 1947 zurück im Prinzip alles bereits vorgezeichnet ist."
Die Ausstellung macht diese Aussage zu ihrem Ausgangspunkt. Zwischen 1947 und dem Jahr 1964 schuf er eine große Zahl von Zeichnungen. Die Arbeiten auf Papier aus der Zeit nach 1964 - die so genannte "Partitur" - unterscheiden sich deutlich von seinem früheren zeichnerischen Schaffen. Sie entstanden auf Schultafeln und Schreibblockblättern und sind untrennbar mit seinen Aktionen, Installationen, Vorträgen und seiner Theorie der "Sozialen Plastik" verbunden, auf die er sich ab 1964 konzentrierte.
Anhand der Zeichnungen aus dieser frühen Zeitspanne sowie einer Reihe von maßgeblichen Skulpturen versucht die Ausstellung erstmals, die für Beuys außerordentlich relevante Verbindung zu Auguste Rodin aufzuzeigen sowie die Beziehung zwischen Beuys' früheren Papierarbeiten und seinen späten dreidimensionalen Werken zu beleuchten.
Beuys wurde durch Rainer Maria Rilkes Monografie von 1903 auf Rodin, der in Deutschland bereits zu Lebzeiten großen Ruhm erlangt hatte, aufmerksam. Zum einen passt das Interesse an Rodin zu Beuys' Beschäftigung mit anderen Heroen der nordeuropäischen Kultur wie Rembrandt, Vincent van Gogh, Edvard Munch und Wilhelm Lehmbruck. Zum anderen hatte Rodins Werk für Künstler wie Munch und Lehmbruck, die Beuys besonders schätzte, eine große Bedeutung.
Eine der wichtigsten Neuerungen Rodins Ende des 19. Jahrhunderts lag in der Fragmentierung des Körpers und der Behandlung des Torsos als autonomer Form. Mittels des Fragments versuchte Rodin einen Bogen von der Kunst der Antike zu seinem eigenen Schaffen zu schlagen. Obwohl Beuys die ästhetischen Möglichkeiten der Torsoform aufgegriffen hat, tritt seine Faszination für Rodins Werk am deutlichsten in seinen Zeichnungen zutage. Wie Beuys schuf Rodin Tausende von Arbeiten auf Papier, die er innerhalb seines Schaffens als autonome Werkgruppe betrachtete. Beide grafischen Œuvres sind durch elastische Linien, fließende Farben und zentrale, sich ständig wandelnde weibliche Gestalten geprägt. Wie Rodin experimentierte auch Beuys unermüdlich mit verschiedenen und ungewöhnlichen zeichnerischen Techniken, angefangen von der Einbeziehung einzelner collagierter Elemente bis hin zum lasierenden Farbauftrag, der den Aktfiguren etwas beinahe Ätherisches verleiht. So sinnlich die weiblichen Gestalten in Rodins späten Aquarellen sind, so wirken sie doch wie in einem flüchtigen Zustand eingefangen. Für Rodin war menschliche Erregung jedoch nicht nur erotisch, sondern auch eine Entsprechung zum Pulsieren der Natur, zu formverwandelnden Prozessen, die er zeichnerisch zu vermitteln suchte. Auch Beuys beschäftigte sich intensiv mit metamorphen Kräften. Bei ihm zeigen die flüssigen Konturen die weiblichen Körper als einladende, wenn auch nicht sehr sinnliche Gestalten, in denen sich Leben einnisten und gedeihen kann.
Ein weiteres zentrales Moment, das beiden Künstlern gemeinsam ist und die Auffassung von Plastik revolutionär erweitert hat, ist der innovative Gedanke, Kunst mit Bewegung zu durchdringen und das Element Zeit einzubeziehen. Rodin bemerkte: "Zuallererst müssen wir uns klarmachen, dass Bewegung der Übergang von einer Position zu einer anderen ist. [...] Jeder Maler oder Bildhauer, der seinen Figuren Bewegung verleiht, ist der Schöpfer einer solchen Metamorphose." Bewegung manifestiert sich bei Rodin in der Flüchtigkeit seiner Zeichnungen. In den Skulpturen scheint die dynamische Bewegung des Lichts über die Oberflächen das Material fast zum Vibrieren zu bringen. Ähnlich versteht Beuys Plastik als Evolutionsprozess – offen und beweglich, lebendig und fließend zwischen den Gegensätzen Chaos und Ordnung, organisch und kristallin, warm und kalt. Das Denken ist für Beuys die eigentliche, elementare Stufe der Plastik.
Neben der Affinität des Beuys’schen Œuvres zu dem von Rodin wird die Ausstellung in der Schirn auch Beuys' Auseinandersetzung mit dem Werk von Wilhelm Lehmbruck einer Betrachtung unterziehen. Seine Torsi waren einer der Wege, die Beuys zu Rodins Kunst geführt haben. Ebenso war es Lehmbrucks Werk, das Beuys in seinem Vorhaben, Bilderhauer zu werden, bestärkt hat. Über achtzig Arbeiten auf Papier und fünfzehn Plastiken von Beuys, fünfzig Papierarbeiten und zwanzig Skulpturen von Rodin sowie zehn Arbeiten auf Papier und fünf bildhauerische Werke von Lehmbruck bilden das Herz dieser Ausstellung. Daneben werden Dokumente zur Rezeption Rodins in Deutschland in der Zeit von 1900 bis 1960 präsentiert.
Die Ausstellung "Rodin Beuys" wurde von Pamela Kort, Gastkuratorin der Schirn Kunsthalle Frankfurt, erarbeitet. Die amerikanische Kunsthistorikerin lebt seit 2004 in Berlin und hat seit 1994 mehrere Publikationen über Beuys veröffentlicht. Für die Schirn hat Pamela Kort bereits die Ausstellungen "Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit" sowie "Paul Klee: 1933" kuratiert.
KATALOG:
Rodin Beuys. Hg. von Pamela Kort und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten von Josephine Gabler, Claude Keisch, Dieter Koepplin, Pamela Kort, J. A. Schmoll gen. Eisenwerth und Hélène Pinet. Deutsch/englisch, ca. 368 Seiten, 187 Farb- und 121 Schwarzweißabbildungen, Richter Verlag, Düsseldorf 2005, ISBN 3-937572-34-1, 29,80 Euro (49 Euro im Buchhandel) .
ORT:
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt.
DAUER: 9. September – 27. November 2005.
ÖFFNUNGSZEITEN: Di., Fr.–So. 10–19 Uhr, Mi. und Do. 10–22 Uhr.
INFORMATION: www.schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82-240.
EINTRITT: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Familienticket 15 Euro.
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Die Ausstellung "Rodin Beuys" wird durch die Hessische Kulturstiftung gefördert. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch die Fraport AG.
Obwohl das Werk von Joseph Beuys für die Erweiterung des traditionellen Kunstbegriffs und die Abkehr von fest gefügten Gestaltungsprinzipien steht, gibt es in ihm eine starke Affinität zum "traditionellen" Medium Zeichnung. Anlässlich seiner Teilnahme an der "documenta III" 1964, drei Jahre nach Antritt der Professur für monumentale Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, betonte Beuys in einem Interview die Rolle der Zeichnung innerhalb seines Werks: "Die Zeichnung ist für mich von besonderer Bedeutung, da in den älteren Zeichnungen bis 1947 zurück im Prinzip alles bereits vorgezeichnet ist."
Die Ausstellung macht diese Aussage zu ihrem Ausgangspunkt. Zwischen 1947 und dem Jahr 1964 schuf er eine große Zahl von Zeichnungen. Die Arbeiten auf Papier aus der Zeit nach 1964 - die so genannte "Partitur" - unterscheiden sich deutlich von seinem früheren zeichnerischen Schaffen. Sie entstanden auf Schultafeln und Schreibblockblättern und sind untrennbar mit seinen Aktionen, Installationen, Vorträgen und seiner Theorie der "Sozialen Plastik" verbunden, auf die er sich ab 1964 konzentrierte.
Anhand der Zeichnungen aus dieser frühen Zeitspanne sowie einer Reihe von maßgeblichen Skulpturen versucht die Ausstellung erstmals, die für Beuys außerordentlich relevante Verbindung zu Auguste Rodin aufzuzeigen sowie die Beziehung zwischen Beuys' früheren Papierarbeiten und seinen späten dreidimensionalen Werken zu beleuchten.
Beuys wurde durch Rainer Maria Rilkes Monografie von 1903 auf Rodin, der in Deutschland bereits zu Lebzeiten großen Ruhm erlangt hatte, aufmerksam. Zum einen passt das Interesse an Rodin zu Beuys' Beschäftigung mit anderen Heroen der nordeuropäischen Kultur wie Rembrandt, Vincent van Gogh, Edvard Munch und Wilhelm Lehmbruck. Zum anderen hatte Rodins Werk für Künstler wie Munch und Lehmbruck, die Beuys besonders schätzte, eine große Bedeutung.
Eine der wichtigsten Neuerungen Rodins Ende des 19. Jahrhunderts lag in der Fragmentierung des Körpers und der Behandlung des Torsos als autonomer Form. Mittels des Fragments versuchte Rodin einen Bogen von der Kunst der Antike zu seinem eigenen Schaffen zu schlagen. Obwohl Beuys die ästhetischen Möglichkeiten der Torsoform aufgegriffen hat, tritt seine Faszination für Rodins Werk am deutlichsten in seinen Zeichnungen zutage. Wie Beuys schuf Rodin Tausende von Arbeiten auf Papier, die er innerhalb seines Schaffens als autonome Werkgruppe betrachtete. Beide grafischen Œuvres sind durch elastische Linien, fließende Farben und zentrale, sich ständig wandelnde weibliche Gestalten geprägt. Wie Rodin experimentierte auch Beuys unermüdlich mit verschiedenen und ungewöhnlichen zeichnerischen Techniken, angefangen von der Einbeziehung einzelner collagierter Elemente bis hin zum lasierenden Farbauftrag, der den Aktfiguren etwas beinahe Ätherisches verleiht. So sinnlich die weiblichen Gestalten in Rodins späten Aquarellen sind, so wirken sie doch wie in einem flüchtigen Zustand eingefangen. Für Rodin war menschliche Erregung jedoch nicht nur erotisch, sondern auch eine Entsprechung zum Pulsieren der Natur, zu formverwandelnden Prozessen, die er zeichnerisch zu vermitteln suchte. Auch Beuys beschäftigte sich intensiv mit metamorphen Kräften. Bei ihm zeigen die flüssigen Konturen die weiblichen Körper als einladende, wenn auch nicht sehr sinnliche Gestalten, in denen sich Leben einnisten und gedeihen kann.
Ein weiteres zentrales Moment, das beiden Künstlern gemeinsam ist und die Auffassung von Plastik revolutionär erweitert hat, ist der innovative Gedanke, Kunst mit Bewegung zu durchdringen und das Element Zeit einzubeziehen. Rodin bemerkte: "Zuallererst müssen wir uns klarmachen, dass Bewegung der Übergang von einer Position zu einer anderen ist. [...] Jeder Maler oder Bildhauer, der seinen Figuren Bewegung verleiht, ist der Schöpfer einer solchen Metamorphose." Bewegung manifestiert sich bei Rodin in der Flüchtigkeit seiner Zeichnungen. In den Skulpturen scheint die dynamische Bewegung des Lichts über die Oberflächen das Material fast zum Vibrieren zu bringen. Ähnlich versteht Beuys Plastik als Evolutionsprozess – offen und beweglich, lebendig und fließend zwischen den Gegensätzen Chaos und Ordnung, organisch und kristallin, warm und kalt. Das Denken ist für Beuys die eigentliche, elementare Stufe der Plastik.
Neben der Affinität des Beuys’schen Œuvres zu dem von Rodin wird die Ausstellung in der Schirn auch Beuys' Auseinandersetzung mit dem Werk von Wilhelm Lehmbruck einer Betrachtung unterziehen. Seine Torsi waren einer der Wege, die Beuys zu Rodins Kunst geführt haben. Ebenso war es Lehmbrucks Werk, das Beuys in seinem Vorhaben, Bilderhauer zu werden, bestärkt hat. Über achtzig Arbeiten auf Papier und fünfzehn Plastiken von Beuys, fünfzig Papierarbeiten und zwanzig Skulpturen von Rodin sowie zehn Arbeiten auf Papier und fünf bildhauerische Werke von Lehmbruck bilden das Herz dieser Ausstellung. Daneben werden Dokumente zur Rezeption Rodins in Deutschland in der Zeit von 1900 bis 1960 präsentiert.
Die Ausstellung "Rodin Beuys" wurde von Pamela Kort, Gastkuratorin der Schirn Kunsthalle Frankfurt, erarbeitet. Die amerikanische Kunsthistorikerin lebt seit 2004 in Berlin und hat seit 1994 mehrere Publikationen über Beuys veröffentlicht. Für die Schirn hat Pamela Kort bereits die Ausstellungen "Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit" sowie "Paul Klee: 1933" kuratiert.
KATALOG:
Rodin Beuys. Hg. von Pamela Kort und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten von Josephine Gabler, Claude Keisch, Dieter Koepplin, Pamela Kort, J. A. Schmoll gen. Eisenwerth und Hélène Pinet. Deutsch/englisch, ca. 368 Seiten, 187 Farb- und 121 Schwarzweißabbildungen, Richter Verlag, Düsseldorf 2005, ISBN 3-937572-34-1, 29,80 Euro (49 Euro im Buchhandel) .
ORT:
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt.
DAUER: 9. September – 27. November 2005.
ÖFFNUNGSZEITEN: Di., Fr.–So. 10–19 Uhr, Mi. und Do. 10–22 Uhr.
INFORMATION: www.schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82-240.
EINTRITT: 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Familienticket 15 Euro.

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