Liebe, leicht verkalkt
von Bess Dreyer
Ich habe ihm außer den diensteinteilenden Worten, die über die Jahre eine breite Klang- und Stimmungspalette durchlaufen haben, diverses Zubehör geschenkt. Wenn nicht Worte, dann Hilfsmittel sollten ihm die Tätigkeit - und mir eine ordentliche Dusche – erleichtern:
Fensterabzieher fürs tägliche schnelle Kachel- und Türabziehen, mechanisch. - Reinigungsschaum, chemisch. - Entkalker, selbsttätig. Bürsten und Borsten, die mit Manneskraft betätigt werden müssen, wachsender Manneskraft gegen wachsende Kalkschichten, nachdem es für alles tägliche oder wöchentliche oder monatliche Reinigen längst zu spät war.
Aber nix war's mit Sicht - oder Einsicht, kein Erfolg mit Worten. Keine blitzenden Werke. Er scheint schon vor der Lesebrille blind gewesen zu sein - und taub vor der angeblich altersgemäßen leichten Schwerhörigkeit.
Alles ging gut, solang wir noch eine Putzfrau hatten. Er hat dann wenigstens mit dem Gummilippenabzieher die Glastüre von Tropfen befreit. Für den guten Eindruck. Weniger der Tür - als bei der attraktiven Perle.
Mir zuliebe - bewegt er nichts in dieser Kabine.
Aber jetzt hab ich auch keinen Bock mehr. Nein. Ich tu's diesmal nicht! Das letzte Mal habe ich tagelang alle Chemie der Drogerie und alle Muskeln meiner Arme bis zur Sehnenscheidentzündung spielen lassen - mein Geburtstagsgeschenk für ihn, damit er dem Hauswirt nicht den Einbau einer neuen Duschkabine würde bezahlen müssen. Wo die Chemie die Fugenmasse und Abdichtungen weggeätzt hat, habe ich noch handwerklich hinterherarbeiten müssen. Ich!
Nie wieder! Hab ich mir geschworen. Nie wieder! Und im Gegenzug hat er geschworen, er werde jetzt jeden Morgen …
Er ist jetzt zu Hause. Ruhestand. Ich gehe früh zur Arbeit und komme spät zurück. Ich habe ihm nach der letzten Aktion wieder viele neue Worte geschenkt, aufmunternd auf die Menge an freier Zeit, auf das breite Instrumentarium hilfreicher Dinge verwiesen, und er möge doch und bitte bitte bitte ...
Das war vor einem Jahr. Kürzlich hatten wir Übernachtungsbesuch. Eine Duscherin. Hinterher meinte sie zu mir (zu mir!), sie habe wenigstens die Armaturen versucht sauberzukriegen - und in ihren Augen stand groß geschrieben: Ein Schweinestall ist das hier! - Und: miserable Hausfrau.
Ich habe ihm wieder einmal die Mittelchen und Bürsten und Lappen wie Zinnsoldaten vor der Dusche aufgebaut. Der nächste verlorene Feldzug ...
Und heute steh ich da und weiß nicht, ob lachen oder weinen. Ein Dreck! Ein Belag! Kalkschichten - als wären sie alt, uralt. Wie unsere Ehe.
Aber ein Klappern vom Flur. Mein Duschkalkentfernverweigerer wappnet sich mit den Werkzeugen für die "Kehrwoche". Schleppt den Sauger nach draußen, den Eimer, den Schrubber. Drei Treppen, drei Flure. Ohne ein einziges bitte-bitte legt er los.
Aus der Küche appetitmachende Düfte. Kann aus dem Ofen, sowie ich fertig bin mit den Fluren, sagt er noch, ehe er mit Handfeer und Kehrschaufel endgültig im Hausflur verschwindet. Seit seinem Ruhestand lebe ich in einem Dreisterne-Restaurant! Es gibt jeden Morgen frische Brötchen. Er hat sogar schon mal die Waschmaschine bedient ...
Der olle Kalk ... der saubere Flur … der provencalische Auflauf …
Was ist schon so ein bisschen Kalk. Ich werde weich. Also gut, ich werde ihm die Dusche noch einmal einsprühen, über Nacht wirken lassen, kratzen, scheuern und schrubben. Einmal.
Dann aber werde ich nur noch zugucken, wer schneller verkalkt, die Dusche - oder er. Versprochen.
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