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Überwintern in Andalusien

Bild zu Andalusien
An der Costa del Sol zwischen Gibraltar und Almería finden sich im Winter immer mehr Besucher aus ganz Europa ein. Bei milden Temperaturen tanken sie Sonne und Energie und pflegen ihre langjährigen Freundschaften. In Andalusien finden sich hier eine Fülle von Möglichkeiten, die sonst so kalte Jahreszeit so angenehm wie möglich zu gestalten – Winterdepression ausgeschlossen.

Seit Jahr und Tag verbringen meine Eltern den oft tristen und nebligen November in Roquetas de Mar, einem Touristenort in der Nähe von Almería am östlichen Ende der Costa del Sol. Anfang des Monats bringe ich beide zum Flughafen und wünsche zwei alltagsgeplagten Menschen einen schönen Urlaub und eine gute Erholung. Wenige Wochen später hole ich sie wieder ab – und mir begegnet in einer Traube gut gelaunter Rückkehrer ein beschwingtes und zufriedenes Paar. Was ist passiert?

Auf dem Weg nach Hause folgt die Berichterstattung. „Ja, wir waren wieder viel mit David und Denise unterwegs, haben uns die Sierra Nevada angeschaut und neue Ecken und Winkel entdeckt. Ach, und in dieser kleinen Pinte am Hafen, da gab es den besten Fisch, den du dir überhaupt nur vorstellen kannst. Einfach ein Gedicht. Schöne Grüße von den Engländern übrigens!“ Golfen? Klar, gehört in Roquetas ebenfalls zum Tagesgeschäft. Ist ja auch bequem mit Caddy, Trainer und Gefährt.

David und Denise kommen aus der Nähe von Manchester im Norden Englands. Sie sind mit der Zeit enge Freunde der Familie geworden, mit gegenseitigen Besuchen in England und in Deutschland. Es passt ganz gut, dass beide eine Tochter und einen Sohn im Alter von meiner Schwester und mir haben. Der Austausch über das Thema Kinder ist dementsprechend rege. Kennen gelernt haben sich die Elternpaare in Roquetas – beim Golfen, Fischessen, Entspannen. Daraus ist im Laufe der Jahre eine relaxte, ungezwungene Freundschaft entstanden.

Doch wieso überhaupt Südspanien? Warum ist der Flieger aus Almería jedes Mal mit glücklichen „Weißkopfseeadlern“ gefüllt, wie wir in unserer Familie in Ehren ergraute Eminenzen nennen? Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die Andalusien für die reifere Generation gerade im Winter attraktiv macht.

Andalusien ist die trockenste Gegend Spaniens und gilt offiziell als regensicher. Für urlaubsreife Personen im Winter eine gute Alternative, auch mal im Hemd und ohne dicken Mantel einen Fuß vor die Tür setzen zu können. Lange und ebene Uferpromenaden verführen zu ausgedehnten Fußmärschen oder Bummelgängen, dabei laden urtümliche Straßencafés und viele Sitzgelegenheiten in Strandnähe zur Verschnaufpause ein. Die oft etwas stärker wehende Meeresluft unterstützt die gesunde Wirkung auf Körper und Geist.

Das sommerliche Klima veranlasst viele Ausländer, sich für einen Langzeiturlaub oder sogar eine permanente Residenz an der Costa del Sol zu entscheiden. Gerade Engländer und Skandinavier, die in ihrer Heimat unter kurzen Tagen und hohen Preisen leiden, haben den Schritt gewagt, sich hier auf unbestimmte Zeit einzurichten. Und bisher nicht bereut. Denn neben gutem Essen und Trinken ist vor allem die Küste touristisch hervorragend erschlossen und bietet flexible und preiswerte Unterkunftsmöglichkeiten. Fast jedes der größeren Hotels lockt mit Studio- oder Appartement-Arrangements gleich für mehrere Monate, Miet- und Kaufwohnungen werden an jeder Straßenecke angepriesen. Zudem gilt die multilinguale ärztliche Versorgung in der Gegend als vorbildlich.

Das Straßenbild in der Winterzeit wird von Senioren geprägt. Die können sich fast nach Belieben Urlaub nehmen und sparen so die Heizungskosten in der Heimat. Dass Lidl vor Ort ist und jeder größere Supermarkt über bekannte Produkte verfügt, kommt vielen deutschen Urlaubern entgegen. Auf den Golfplätzen wird selten ein Handicap für die Benutzung verlangt, was sich in Europa herumgesprochen hat. Die verfügbaren Anschlagszeiten sind dadurch deutlich gesunken, dafür stiegen die Preise. Dieses Verhältnis pendelt sich noch ein.

Aber es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten der Urlaubsgestaltung. Mit dem Mietwagen lässt sich die Küste prima erkunden. Ob Granada mit seinen maurischen Hinterlassenschaften, die hektische Metropole Málaga oder das vornehme Marbella – fast alle Sehenswürdigkeiten sind in Tagestouren zu bewältigen. Weinliebhaber werden in der Gegend um Jerez – Heimat und Namensgeber des Sherry – an der Costa de la Luz auf ihre Kosten kommen. Jerez bietet Draufgängern darüber hinaus eine besondere Attraktion: Eine ehemalige Formel 1-Strecke dient heute fast allen Motorsportlern der Weltspitze als Testgelände. Ob allerdings zahlreiche Zaungäste willkommen sind, darf in Frage gestellt werden. Es könnte ja ein Spion eines anderen Rennstalls darunter sein.

Meinen Eltern wäre eine solche Veranstaltung ohnehin viel zu laut. Sie genießen lieber die Ruhe und lange Gespräche unter Freunden. Letztes Jahr haben Sie ein befreundetes Paar aus Krefeld mitgenommen. Die Kontaktdichte wächst, eine Gemeinschaft entsteht. Und der Sohnemann freut sich jedes Mal, glückliche Menschen vom Flughafen abholen zu dürfen.

Über den Autor:
Rainer Bachmann ist ein 30jähriger Stratege aus Bergisch Gladbach. Am liebsten entdeckt er die Welt auf eigene Faust: Australien, Großbritannien, Südafrika und New York kennt er am besten. Als gelernter und studierter Kaufmann arbeitet er heute in der Medienbranche.

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