Alte Liebe rostet nicht
Liebe, Sex und Partnerschaft im Alter
Allerdings trifft leider auch zu, dass viele Pflegekräfte - und nicht nur sie - Gefühle für überflüssig oder als nicht vorhanden oder anomal ansehen, sobald die Kranken oder Pflegebedürftigen ein bestimmtes Alter erreicht haben oder an Krankheiten leiden, die als asexuell gelten, wie Demenz, Diabetes, Krebs, Herzinfarkt und Arthrose.
Da Sexualität kranker und alter Menschen oft auf den üblichen Koitus reduziert wird, ignoriert man die vielfältigen Bedürfnisse und geringen Möglichkeiten zum Austausch von Zärtlichkeiten, zu liebevoller Zuwendung, Körperkontakt und intimer Kommunikation besonders in so "totalen Institutionen", wie, es nun einmal Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sind - allerdings nicht unbedingt sein müssen. Das führt zu Fehldeutungen von sexuellen Verhaltensweisen Kranker und Alter und zu unzureichender Toleranz diesen gegenüber.
Zugleich bezeichnen Medien und auch wissenschaftliche Publikationen oft einen angeblichen sexuellen Ist-Zustand als normal, der die Situation des vitalen, weitgehend gesunden Menschen widerspiegelt, nicht aber die der chronisch Kranken und oft multimorbiden Alten. Die ungeheure Differenziertheit der sexuellen Befindlichkeit alter Menschen und auch jüngerer Kranker wird wenig reflektiert. Sie ist auch kaum Gegenstand der Forschung, Aus- und Fortbildung.
Das Problem der Partnerschaft im Alter
Wie sich Partnerschaft in späteren Lebensjahren gestaltet, hängt vor allem davon ab, wie sich diese im mittleren Lebensalter entwickelt hat und wie der Einzelne gravierende Rollenveränderungen verarbeitet. Vielfach wird unterschätzt, dass im Alter wesentliche, durch Vererbung und und Erziehung geprägte, inzwischen verfestigte Persönlichkeitsqualitäten vom Partner in anderer, mitunter unangenehmen Weise als in früheren Jahren wahrgenommen werden, nicht zuletzt, weil die Häufigkeit der gegenseitigen Kontakte nach Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess schlagartig zunimmt und die Bereitschaft nachlässt, partnerschaftliche Kritik anzunehmen.
Die Kinder als "stärkster Ehekitt" sind aus dem Hause; sie beeinflussen die Partnerschaft nur noch bedingt. Nehmen sie nun sexuelle Bedürfnisse ihrer alten Eltern wahr, belächeln sie diese oft. Eine neue Partnerschaft von Mutter oder Vater betrachten sie häufig als unangemessen und absurd.
Echte Partnerschaft entsteht besonders durch gemeinsames Erleben, durch Problem-, Schwierigkeits- und Konfliktbewältigung, durch das Meistern von Notsituationen. Dadurch wird jedoch beispielsweise eine Ehe nicht unbedingt so "zusammengeschweißt", dass sie hält "bis dass der Tod sie scheidet". Zeiten relativen Wohlergehens, gemeinsamer Langeweile, familiärer Routine beeinträchtigen gemeinsame Interessen und können für die Partnerschaft im Alter Gift sein.
Das gilt besonders, wenn Frau und Mann nur noch wenig gemeinsam unternehmen und dazu mit in einer wesentlich kleineren Wohnung oder gar einem einzigen Zimmer des Altersheimes vorlieb nehmen müssen. So können sie sich kaum "aus dem Wege gehen", wenn sie sich einmal "über haben", was nach 30 oder mehr Ehejahren durchaus nicht außergewöhnlich ist.
Leidenschaftliche Liebe – Eifersucht inklusive
Selbst die Eifersucht bleibt bei älteren Jahrgängen gar nicht selten eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft – wovon mancher Altenpfleger ein Lied singen könnte. Der geringe Männeranteil in Alters- und Pflegeheimen ist dafür ein Nährboden. Auch wenn bereits Gedächtnislücken vorhanden sind, die Erinnerung an den einstigen Seitensprung – er mag Jahrzehnte zurückliegen – ist nicht vergessen und kann selbst bei Siebzig- oder Achtzigjährigen zu scharfen Auseinandersetzungen und Vorwürfe führen.
Besonders Frauen pochen auf ihr moralisches Recht, Vorhaltungen zu machen: Fremdgehen bis vor kurzem doch eher ein männliches Privileg. Heute haben jüngere Frauen dieses Defizit fast aufgeglichen - es beträgt weniger als zehn Prozent - so dass sich hier für die Zukunft Veränderungen anbahnen.
Dass die Partnerschaft alter Leute besonders für Männer im wahrsten Sinne des Wortes oft lebensnotwendig ist, belegt die Tatsache, dass verwitwet, Männer wesentlich häufiger als Frauen bei Partnerverlust zumeist die Ehefrau - zum Suizid neigen, weil sie allein mit den Anforderungen des Alltags nicht zurecht kommen. Viele Frauen dagegen besonders diejenigen, die ihren schwer- oder schwerstkranken Ehemann jahrelang aufopferungsvoll gepflegt haben überwinden den Partnerverlust nach der Trauerzeit verhältnismäßig kurzfristig und erschließen sich neue, sie befriedigende Aktivitätsfelder.
Die viel gepriesene Liebe ist und bleibt eine wohltuende Himmelsmacht, deretwegen auch alte Menschen manches tun, was sie einst für unmöglich hielten. Natürlich ändern sich Formen und Inhalte der Liebe in mancherlei Hinsicht. Wenn aber ältere Männer behaupten, sie hätten nur einen Blick für ihre eigene Frau und würden andere "nicht einmal anschauen", dann ist das nur glaubhaft, wenn ihr Augenkraft stark gelitten hat oder sie durch andere Leiden wirklich jenseits von "Gut und Böse" angelangt sind. Nicht zu unrecht sagt der französische Volksmund, dass des Mannes letztes Geschlechtsorgan seine Augen sind. Kluge, ältere Frauen machen ihre Partner sogar auf Geschlechtsgenossinnen aufmerksam, um ihre eigenen Qualitäten von einst herauszustreichen.
Und Untersuchungen weisen darauf hin, dass jenseits der Siebzig auch aus einstigen Liebesehen mehr oder weniger freundliche Kameradschafts-Ehen werden, zu denen nicht einmal mehr Sex gehören muss, wohl aber gehören kann, falls die Partner oft vorhandene, gesundheitliche Beeinträchtigungen kompensieren können. Liebe zeigt sich jetzt vor allem in der Kompromissfähigkeit, in der Bereitschaft, einen Pflock zurückzustecken, auch wenn man im Recht zu sein glaubt. "Du hast ja Recht, und ich habe meine Ruhe" – dieses Wort kennzeichnet zutreffend viele Partner- und Liebesbeziehung im höheren Lebensalter.
Ausgesprochene "Hass-Ehen" – früher als Folge der von Eltern vereinbarter Verheiratung ihrer erwachsenen Kinder ohne deren Mitbestimmung oder ungewollter Schwangerschaft sowie öffentlicher Diskriminierung von Ehescheidungen vielfach verbreitet – sind heute Ausnahmen. Eine Minderheit alter Leute bedauert allerdings, ihre Ehe nicht "rechtzeitig" beendet zu haben, wofür es jetzt jedoch "zu spät" sei. Dennoch: Die Anzahl der Ehen, die nach dem 65. Lebensjahr der Eheleute geschieden wird, steigt an.
Liebe im Alter ist noch weniger als in jungen Jahren in erster Linie an der Häufigkeit sexueller Aktivitäten abzulesen. Sympathie zum geliebten Menschen, das Gefühl der Behaglichkeit und Geborgenheit in seiner Nähe, das Vertrautsein mit seinem Denken und Handeln, die gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit, das Füreinander-Dasein treten viel stärker in den Vordergrund. Freilich bedarf es dazu der entsprechenden Möglichkeiten, die in Heimen und Krankenhäusern recht eingeschränkt sind.
Zärtlichkeit bietet viele Spielarten
Bittet im Altersheim eine alte Frau, die unter mancherlei Behinderung leidet, von sich aus darum, einem bettlägerigen Mann das Frühstück zu bereiten und mit ihm auf seinem Zimmer gemeinsam zu speisen, so mag das zunächst aus Sympathie geschehen, kann aber bald zu vertraulichen Gesprächen, zum Austausch von Zärtlichkeiten und Intimitäten führen. Der schöne Begriff Liebe ist dann durchaus angebracht, auch wenn kaum Hoffnung auf "normalen" Geschlechtsverkehr besteht. Möchten sich beide nun ein Zimmer teilen, so sollte das ohne hochnotpeinliche Prüfung und bösen Klatsch von Konkurrentinnen möglich sein, weil es ganz normal und außerhalb des Altenheinis selbstverständlich wäre. Und selbst wenn die diagnostizierte Impotenz des Mannes unheilbar ist, so bleibt es den Beiden überlassen, welche Formen der Liebe und auch körperlichen Zuwendung sie gemeinsam finden.
Das Pflegepersonal sollte nicht dem Defizitmodell folgen und solche Art gegenseitiger Beziehung misstrauisch betrachten, die für die Frau und den Mann ausgesprochen beglückend und heilsam sein, sogar den Pflegeaufwand vermindern können.
Liebe im hohen Lebensalter kann also Sexualität und auch mehr oder weniger häufigen Geschlechtsverkehr einschließen. Ist dieser aus irgendwelchen, meist gesundheitlichen Gründen nicht möglich, muss das jedoch keineswegs das Ende der Liebe bedeuten. Und das gilt selbst dann, wenn Außenstehende und auch eine so nahe stehende Bezugsperson wie ein Altenpfleger oder eine Altenpflegerin steht in dieser Hinsicht außen – den Austausch von Zärtlichkeiten und Intimitäten nicht bemerken. Wie sich Liebe im Alter vollzieht, entscheiden letztlich allein die Betroffenen.
Sex ist kein Vorrecht einer Altersgruppe
Sex gilt heute als natürlicher und gesunder Bestandteil des Lebens in jedem Lebensalter, auch wenn diese Aussage durchaus nicht schon allgemein anerkannt ist. Noch fehlt es nicht an Empfehlungen in der Pflegeliteratur, wonach sexuelle Äußerungen alter Menschen ignoriert oder sogar massiv unterbunden werden sollten.
Die Sexualisierung ist heute so verbreitet, dass selbst Menschenjenseits der 90 (besonders Männer) sich gelegentlich gern Pornofilme und entsprechende Fernsehsehsendungen sowie Pornomagazine ansehen, darüber wohlwollend oder ironisch sprechen, die Situationen und Bilder als schön oder hässlich, als interessant oder schweinisch, als Kunst oder Kitsch empfinden. Die vorherrschende Ablehnung von Obszönitäten, wie sadomasochistische Praktiken, Gruppensex, Quickies oder Sex mit häufig wechselnden Partnern verbinden manche jedoch durchaus mit dem Bedauern, dass es so etwas zu ihrer Zeit "leider" nicht gegeben habe. Obwohl das so auch nicht zutrifft, allerdings war in unseren Breiten derartiger Sex ein zweifelhaftes Privileg weniger.
Jedoch zumeist betrachten alte Menschen das Phänomen, dass Sex heute für viele quasi zum Freizeitsport geworden ist, der Liebe oftmals geradezu ausschließt, durchaus kritisch. Sie mögen eher Sex, der ihren traditionellen Ansprüchen genügt, wobei Qualität und Häufigkeit gewiss äußerst differenziert sind. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des "National Council on Aging" in den USA sollen 61 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen über 60 Jahre noch mindestens einmal monatlich sexuell aktiv sein, wobei natürlich dieser Anteil jenseits des 70. oder gar 80. Lebensjahres rapide abnimmt. Auch überrascht nicht, dass besonders alte Männer, aber nicht nur sie, mangels Partner und Gelegenheit relativ oft masturbieren.
Deutsche Untersuchungen nennen ähnliche Werte. Sie sind nur bedingt ernst zu nehmen, weil es sich um Selbstbekenntnisse handelt, die nicht selten eher sexuell Wünsche und Interessen als die gelebte Wirklichkeit widerspiegeln. Für die Pflegetätigkeit ist das auch relativ unerheblich. Wichtiger ist, Sexualität im Alter in ihren vielfältigen Formen nicht nur zu akzeptieren, sondern als Realität anzuerkennen und sowohl den sexuell interessierten und aktiven als auch den sexuell desinteressierten und inaktiven alten Menschen und alle Zwischenformen als "normal" anzusehen. Pflegekräfte können sogar Bedingungen schaffen, in denen jeder seine individuellen Bedürfnisse befriedigen kann.
Dass dazu heutzutage Ärzte nicht nur dank Viagra und Ixense mehr Möglichkeiten haben als vor Jahrzehnten und auch sexuell abträgliche Folgen einiger Krankheiten mindern können, ist bekannt. Kranken- und Altenpfleger sollten darum wissen und den von ihnen Betreuten Entsprechendes empfehlen. Dazu bedarf es außer dein Wissen um alle Möglichkeiten auch Toleranz und Vertrauen, um mit alten Menschen über solche Probleme zu sprechen und ihnen sogar zu helfen, Liebe im Alter zu leben.
STOLZ, H.
Erschienen in: PFLEGE AKTUELL 1/2002, S. 16 – 18,
Mit freundlicher Genehmigung des Bundesinstituts für Berufsbildung
zurück
Da Sexualität kranker und alter Menschen oft auf den üblichen Koitus reduziert wird, ignoriert man die vielfältigen Bedürfnisse und geringen Möglichkeiten zum Austausch von Zärtlichkeiten, zu liebevoller Zuwendung, Körperkontakt und intimer Kommunikation besonders in so "totalen Institutionen", wie, es nun einmal Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sind - allerdings nicht unbedingt sein müssen. Das führt zu Fehldeutungen von sexuellen Verhaltensweisen Kranker und Alter und zu unzureichender Toleranz diesen gegenüber.
Zugleich bezeichnen Medien und auch wissenschaftliche Publikationen oft einen angeblichen sexuellen Ist-Zustand als normal, der die Situation des vitalen, weitgehend gesunden Menschen widerspiegelt, nicht aber die der chronisch Kranken und oft multimorbiden Alten. Die ungeheure Differenziertheit der sexuellen Befindlichkeit alter Menschen und auch jüngerer Kranker wird wenig reflektiert. Sie ist auch kaum Gegenstand der Forschung, Aus- und Fortbildung.
Das Problem der Partnerschaft im Alter
Wie sich Partnerschaft in späteren Lebensjahren gestaltet, hängt vor allem davon ab, wie sich diese im mittleren Lebensalter entwickelt hat und wie der Einzelne gravierende Rollenveränderungen verarbeitet. Vielfach wird unterschätzt, dass im Alter wesentliche, durch Vererbung und und Erziehung geprägte, inzwischen verfestigte Persönlichkeitsqualitäten vom Partner in anderer, mitunter unangenehmen Weise als in früheren Jahren wahrgenommen werden, nicht zuletzt, weil die Häufigkeit der gegenseitigen Kontakte nach Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess schlagartig zunimmt und die Bereitschaft nachlässt, partnerschaftliche Kritik anzunehmen.
Die Kinder als "stärkster Ehekitt" sind aus dem Hause; sie beeinflussen die Partnerschaft nur noch bedingt. Nehmen sie nun sexuelle Bedürfnisse ihrer alten Eltern wahr, belächeln sie diese oft. Eine neue Partnerschaft von Mutter oder Vater betrachten sie häufig als unangemessen und absurd.
Echte Partnerschaft entsteht besonders durch gemeinsames Erleben, durch Problem-, Schwierigkeits- und Konfliktbewältigung, durch das Meistern von Notsituationen. Dadurch wird jedoch beispielsweise eine Ehe nicht unbedingt so "zusammengeschweißt", dass sie hält "bis dass der Tod sie scheidet". Zeiten relativen Wohlergehens, gemeinsamer Langeweile, familiärer Routine beeinträchtigen gemeinsame Interessen und können für die Partnerschaft im Alter Gift sein.
Das gilt besonders, wenn Frau und Mann nur noch wenig gemeinsam unternehmen und dazu mit in einer wesentlich kleineren Wohnung oder gar einem einzigen Zimmer des Altersheimes vorlieb nehmen müssen. So können sie sich kaum "aus dem Wege gehen", wenn sie sich einmal "über haben", was nach 30 oder mehr Ehejahren durchaus nicht außergewöhnlich ist.
Leidenschaftliche Liebe – Eifersucht inklusive
Selbst die Eifersucht bleibt bei älteren Jahrgängen gar nicht selten eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft – wovon mancher Altenpfleger ein Lied singen könnte. Der geringe Männeranteil in Alters- und Pflegeheimen ist dafür ein Nährboden. Auch wenn bereits Gedächtnislücken vorhanden sind, die Erinnerung an den einstigen Seitensprung – er mag Jahrzehnte zurückliegen – ist nicht vergessen und kann selbst bei Siebzig- oder Achtzigjährigen zu scharfen Auseinandersetzungen und Vorwürfe führen.
Besonders Frauen pochen auf ihr moralisches Recht, Vorhaltungen zu machen: Fremdgehen bis vor kurzem doch eher ein männliches Privileg. Heute haben jüngere Frauen dieses Defizit fast aufgeglichen - es beträgt weniger als zehn Prozent - so dass sich hier für die Zukunft Veränderungen anbahnen.
Dass die Partnerschaft alter Leute besonders für Männer im wahrsten Sinne des Wortes oft lebensnotwendig ist, belegt die Tatsache, dass verwitwet, Männer wesentlich häufiger als Frauen bei Partnerverlust zumeist die Ehefrau - zum Suizid neigen, weil sie allein mit den Anforderungen des Alltags nicht zurecht kommen. Viele Frauen dagegen besonders diejenigen, die ihren schwer- oder schwerstkranken Ehemann jahrelang aufopferungsvoll gepflegt haben überwinden den Partnerverlust nach der Trauerzeit verhältnismäßig kurzfristig und erschließen sich neue, sie befriedigende Aktivitätsfelder.
Die viel gepriesene Liebe ist und bleibt eine wohltuende Himmelsmacht, deretwegen auch alte Menschen manches tun, was sie einst für unmöglich hielten. Natürlich ändern sich Formen und Inhalte der Liebe in mancherlei Hinsicht. Wenn aber ältere Männer behaupten, sie hätten nur einen Blick für ihre eigene Frau und würden andere "nicht einmal anschauen", dann ist das nur glaubhaft, wenn ihr Augenkraft stark gelitten hat oder sie durch andere Leiden wirklich jenseits von "Gut und Böse" angelangt sind. Nicht zu unrecht sagt der französische Volksmund, dass des Mannes letztes Geschlechtsorgan seine Augen sind. Kluge, ältere Frauen machen ihre Partner sogar auf Geschlechtsgenossinnen aufmerksam, um ihre eigenen Qualitäten von einst herauszustreichen.
Und Untersuchungen weisen darauf hin, dass jenseits der Siebzig auch aus einstigen Liebesehen mehr oder weniger freundliche Kameradschafts-Ehen werden, zu denen nicht einmal mehr Sex gehören muss, wohl aber gehören kann, falls die Partner oft vorhandene, gesundheitliche Beeinträchtigungen kompensieren können. Liebe zeigt sich jetzt vor allem in der Kompromissfähigkeit, in der Bereitschaft, einen Pflock zurückzustecken, auch wenn man im Recht zu sein glaubt. "Du hast ja Recht, und ich habe meine Ruhe" – dieses Wort kennzeichnet zutreffend viele Partner- und Liebesbeziehung im höheren Lebensalter.
Ausgesprochene "Hass-Ehen" – früher als Folge der von Eltern vereinbarter Verheiratung ihrer erwachsenen Kinder ohne deren Mitbestimmung oder ungewollter Schwangerschaft sowie öffentlicher Diskriminierung von Ehescheidungen vielfach verbreitet – sind heute Ausnahmen. Eine Minderheit alter Leute bedauert allerdings, ihre Ehe nicht "rechtzeitig" beendet zu haben, wofür es jetzt jedoch "zu spät" sei. Dennoch: Die Anzahl der Ehen, die nach dem 65. Lebensjahr der Eheleute geschieden wird, steigt an.
Liebe im Alter ist noch weniger als in jungen Jahren in erster Linie an der Häufigkeit sexueller Aktivitäten abzulesen. Sympathie zum geliebten Menschen, das Gefühl der Behaglichkeit und Geborgenheit in seiner Nähe, das Vertrautsein mit seinem Denken und Handeln, die gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit, das Füreinander-Dasein treten viel stärker in den Vordergrund. Freilich bedarf es dazu der entsprechenden Möglichkeiten, die in Heimen und Krankenhäusern recht eingeschränkt sind.
Zärtlichkeit bietet viele Spielarten
Bittet im Altersheim eine alte Frau, die unter mancherlei Behinderung leidet, von sich aus darum, einem bettlägerigen Mann das Frühstück zu bereiten und mit ihm auf seinem Zimmer gemeinsam zu speisen, so mag das zunächst aus Sympathie geschehen, kann aber bald zu vertraulichen Gesprächen, zum Austausch von Zärtlichkeiten und Intimitäten führen. Der schöne Begriff Liebe ist dann durchaus angebracht, auch wenn kaum Hoffnung auf "normalen" Geschlechtsverkehr besteht. Möchten sich beide nun ein Zimmer teilen, so sollte das ohne hochnotpeinliche Prüfung und bösen Klatsch von Konkurrentinnen möglich sein, weil es ganz normal und außerhalb des Altenheinis selbstverständlich wäre. Und selbst wenn die diagnostizierte Impotenz des Mannes unheilbar ist, so bleibt es den Beiden überlassen, welche Formen der Liebe und auch körperlichen Zuwendung sie gemeinsam finden.
Das Pflegepersonal sollte nicht dem Defizitmodell folgen und solche Art gegenseitiger Beziehung misstrauisch betrachten, die für die Frau und den Mann ausgesprochen beglückend und heilsam sein, sogar den Pflegeaufwand vermindern können.
Liebe im hohen Lebensalter kann also Sexualität und auch mehr oder weniger häufigen Geschlechtsverkehr einschließen. Ist dieser aus irgendwelchen, meist gesundheitlichen Gründen nicht möglich, muss das jedoch keineswegs das Ende der Liebe bedeuten. Und das gilt selbst dann, wenn Außenstehende und auch eine so nahe stehende Bezugsperson wie ein Altenpfleger oder eine Altenpflegerin steht in dieser Hinsicht außen – den Austausch von Zärtlichkeiten und Intimitäten nicht bemerken. Wie sich Liebe im Alter vollzieht, entscheiden letztlich allein die Betroffenen.
Sex ist kein Vorrecht einer Altersgruppe
Sex gilt heute als natürlicher und gesunder Bestandteil des Lebens in jedem Lebensalter, auch wenn diese Aussage durchaus nicht schon allgemein anerkannt ist. Noch fehlt es nicht an Empfehlungen in der Pflegeliteratur, wonach sexuelle Äußerungen alter Menschen ignoriert oder sogar massiv unterbunden werden sollten.
Die Sexualisierung ist heute so verbreitet, dass selbst Menschenjenseits der 90 (besonders Männer) sich gelegentlich gern Pornofilme und entsprechende Fernsehsehsendungen sowie Pornomagazine ansehen, darüber wohlwollend oder ironisch sprechen, die Situationen und Bilder als schön oder hässlich, als interessant oder schweinisch, als Kunst oder Kitsch empfinden. Die vorherrschende Ablehnung von Obszönitäten, wie sadomasochistische Praktiken, Gruppensex, Quickies oder Sex mit häufig wechselnden Partnern verbinden manche jedoch durchaus mit dem Bedauern, dass es so etwas zu ihrer Zeit "leider" nicht gegeben habe. Obwohl das so auch nicht zutrifft, allerdings war in unseren Breiten derartiger Sex ein zweifelhaftes Privileg weniger.
Jedoch zumeist betrachten alte Menschen das Phänomen, dass Sex heute für viele quasi zum Freizeitsport geworden ist, der Liebe oftmals geradezu ausschließt, durchaus kritisch. Sie mögen eher Sex, der ihren traditionellen Ansprüchen genügt, wobei Qualität und Häufigkeit gewiss äußerst differenziert sind. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des "National Council on Aging" in den USA sollen 61 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen über 60 Jahre noch mindestens einmal monatlich sexuell aktiv sein, wobei natürlich dieser Anteil jenseits des 70. oder gar 80. Lebensjahres rapide abnimmt. Auch überrascht nicht, dass besonders alte Männer, aber nicht nur sie, mangels Partner und Gelegenheit relativ oft masturbieren.
Deutsche Untersuchungen nennen ähnliche Werte. Sie sind nur bedingt ernst zu nehmen, weil es sich um Selbstbekenntnisse handelt, die nicht selten eher sexuell Wünsche und Interessen als die gelebte Wirklichkeit widerspiegeln. Für die Pflegetätigkeit ist das auch relativ unerheblich. Wichtiger ist, Sexualität im Alter in ihren vielfältigen Formen nicht nur zu akzeptieren, sondern als Realität anzuerkennen und sowohl den sexuell interessierten und aktiven als auch den sexuell desinteressierten und inaktiven alten Menschen und alle Zwischenformen als "normal" anzusehen. Pflegekräfte können sogar Bedingungen schaffen, in denen jeder seine individuellen Bedürfnisse befriedigen kann.
Dass dazu heutzutage Ärzte nicht nur dank Viagra und Ixense mehr Möglichkeiten haben als vor Jahrzehnten und auch sexuell abträgliche Folgen einiger Krankheiten mindern können, ist bekannt. Kranken- und Altenpfleger sollten darum wissen und den von ihnen Betreuten Entsprechendes empfehlen. Dazu bedarf es außer dein Wissen um alle Möglichkeiten auch Toleranz und Vertrauen, um mit alten Menschen über solche Probleme zu sprechen und ihnen sogar zu helfen, Liebe im Alter zu leben.
STOLZ, H.
Erschienen in: PFLEGE AKTUELL 1/2002, S. 16 – 18,
Mit freundlicher Genehmigung des Bundesinstituts für Berufsbildung

normal
groß
sehr groß