Bilanz der Reisesaison 2004
Reiselust ungebrochen – aber Reisedauer sinkt rapide
![]() |
Erdrutsch: Die Reisedauer sinkt rapide |
„Nur auf den ersten Blick bleibt die Urlaubsreise die populärste Form von Glück. In Wirklichkeit gibt es fast erdrutschartige Veränderungen“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des Instituts. „Im vergangenen Reisejahr hat die Reisedauer einen neuen historischen Tiefstand erreicht. Immer weniger Urlauber können sich noch eine Zwei-Wochen-Reise leisten.“ Von allen Reisenden waren 1992 81 Prozent länger als zwei Wochen unterwegs, im Jahr 2000 waren es lediglich 74 Prozent und im vergangenen Jahr nur mehr 53 Prozent. Der Trend zu immer kürzeren Reisen verstärkt sich dramatisch und macht der Ferienhotellerie immer mehr zu schaffen. Die grenzenlose Reiselust der Deutschen hat ihre finanzielle Grenze erreicht. Die Wohlstandswende spiegelt sich auch im Tourismus wider.
Die Talsohle im Tourismus ist sicher überwunden. Aber das Urlaubsbudget wird immer knapper. „So praktizieren die Deutschen weiter eine neue Lebenskunst: Sie retten die Urlaubsphilosophie von den schönsten Tagen des Jahres, indem sie einfach die Reisedauer verkürzen“, so Opaschowski. „Das Schönste am Urlaub ist die Vorfreude auf den nächsten – und wenn es nur ein Kurzurlaub ist.“ Allerdings bleiben die Chancen im Urlaubsmarkt weiterhin ungleich verteilt: Landbewohner, Hauptschulabsolventen und Geringerverdienende müssen öfter zu Hause bleiben.
Zwischen Trauer und Hoffnung:
Die Auswirkungen der Flutkatastrophe.
Bundesbürger kehren zur Normalität zurück
![]() |
Die Auswirkungen der Flutkatastrophe |
Wie ist die Flutkatastrophe in Südostasien in ihren touristischen Auswirkungen für die kommende Reisesaison 2005 einzuschätzen? In einer aktuellen Repräsentativumfrage wurden 1.000 Personen vom 31. Januar bis 5. Februar 2005 nach ihrem Reiseverhalten befragt. Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen frühere Krisen-Reaktionen. Das Erleben von Bedrohung und die persönliche Betroffenheit lassen mit der Zeit nach: Nur 1 Prozent der Bundesbürger wollen in diesem Jahr ein anderes Reiseziel als ursprünglich geplant wählen. Ebenfalls nur 1 Prozent der Befragten geben an, aufgrund der Flutkatastrophe 2005 überhaupt nicht mehr zu verreisen. Und 3 Prozent sind noch unschlüssig, aber 95 Prozent der Bundesbürger kehren zur Normalität zurück und ändern ihre Urlaubspläne nicht.
Lediglich die Jugendlichen deuten mit einem geringeren Wert von 90 Prozent Zustimmung ein etwas größeres Krisenbewusstsein an. Opaschowski: „Problemverdrängung und Problemgewöhnung stellen sich ein. Der Zeitfaktor wirkt.“ Ein Grundgesetz der Welttourismusorganisation (WTO) bewahrheitet sich: Der Tourismus erholt sich nach jeder Krise.
Pauschaltourismus im Abwärtstrend.
Marktanteilsverschiebungen durch Billigflieger
Viele Urlaubsreisende kehren zu ihren Ursprüngen wie in den fünfziger Jahren zurück und organisieren ihre Reise wieder selbst – vom Verkehrsmittel bis zur Unterkunft. Immer mehr Bundesbürger machen die Erfahrung: Dienstleistung muss man sich auch leisten können. Der Marktanteil der individuell organisierten Reisen liegt mittlerweile bei 55 Prozent:
· Die Gruppe der Selbstorganisierer, die ihre Reise ohne jede Hilfe eines Reisebüros organisieren, nahm von 35% (2000) auf 46% (2004) zu.
· Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich der Anteil der Baukasten-Reisenden, die sich nur einzelne Reiseelemente wie z.B. Route oder Unterkunft oder Transport selbst zusammenstellen und dann das Reisebüro in Anspruch nehmen, von 4 auf 9 Prozent.
Opaschowski: „Als neue Entwicklung zeichnet sich ab: Der Pauschaltourismus befindet sich im Abwärtstrend. Die Individualreisen kommen wieder.“ Nicht einmal jeder dritte Bundesbürger (29%) hat bei seiner letzten Urlaubsreise eine organisierte Pauschalreise mit Transport und Unterkunft bei einem Reiseveranstalter gebucht (2000: 34% - 2004: 29%).“
Für die derzeitige Rückkehr zur Individualreise sind vor allem ökonomische Gründe verantwortlich zu machen. Der moderne Reisende ist ein flexibler Tourist, der rund um die Uhr verreisen kann, an keinen Reiseveranstalter mehr gebunden ist und Reisebüro-Dienste nur dann in Anspruch nimmt, wenn sie sich lohnen oder rechnen.
Der Wandel vom Zeitdenken zum Gelddenken kann die Urlaubslandschaft in den nächsten Jahren verändern. Billigflieger müssen bald den Preis-Leistungsvergleich mit den etablierten Vollservice-Airlines nicht mehr fürchten. Deutliche Marktanteilsverschiebungen zwischen Pauschal- und Individualreisen sind die Folge.
Inlandsreiseziele 2004.
Inlandsurlaub verliert Marktanteile an Auslandsreisen
Das liebste Urlaubsland der Deutschen ist und bleibt Deutschland. Allerdings hat der Inlandsurlaub in der vergangenen Reisesaison 2004 erheblich an Attraktivität eingebüßt (2003: 38,4% - 2004: 34,3%), was sicherlich auch an der Wettersituation im Vergleich zum „Jahrhundertsommer“ im Jahr 2003 gelegen hat. Viele Stammurlauber sind zu Hause geblieben. So müssen sich die inländischen Feriengebiete 2004 mit Stagnation und Rückgängen arrangieren.
Ostsee (8,2%) und Bayern (7,2%) verteidigen ihre Spitzenposition. Den dritten Rang in der Beliebtheit der inländischen Reiseziele behaupten die Reiseziele an der Nordsee (5,9%). Opaschowski: „Der Inlandstourismus verliert wieder Boden gegenüber den Auslandsreisezielen. Diese bieten mehr als Meer und Berge und können Fremde und Ferne, Alltagskontraste und südliche Sonne garantieren.“
Auslandsreiseziele 2004.
Abkehr von Spanien - Österreich und Türkei auf der Gewinnerseite
Spanien, „das“ Auslandsreiseziel der Deutschen und die wichtigste Destination für die Reiseveranstalter, muss permanent Einbußen hinnehmen. Seit Ende der neunziger Jahre hat Spanien einen spürbaren Gästeschwund verkraften müssen – von 17 Prozent (1999) über 14 Prozent (2002) auf 11 Prozent im vergangenen Jahr.
Vom Preiswettbewerb profitieren Italien (8,4%), Österreich (6,7%) und die Türkei (6,1%). Im Vergleich zum Vorjahr sind Österreich (+ 2,1 Prozentpunkte) und die Türkei (+ 2,1) die Gewinner der vergangenen Saison. Auch Skandinavien (+ 0,9), Italien (+ 0,8) und die Karibik (+ 0,7) können sich über Zuwächse freuen, weil die beiden bedeutendsten Reiseziele der Deutschen (Deutschland: - 4,0 Prozentpunkte; Spanien: - 5,1) spürbare Einbußen hinnehmen mussten.
Fernreisen bleiben für die meisten Deutschen als Urlaubsträume attraktiv, stellen in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten aber mehr eine Ausnahme dar. Opaschowski: „Der Fernreisemarkt bleibt vor allem aus finanziellen Gründen nur eine attraktive Ergänzung (und nicht etwa Alternative) zu den Inlands- oder mediterranen Ferienzielen.“ Der große Durchbruch lässt weiter auf sich warten.
Am Urlaub wird immer mehr gespart.
Ein Urlaubstag darf höchstens 76 Euro kosten
Die Deutschen lassen sich den Urlaub im Durchschnitt 1.025 Euro pro Person kosten. Darin sind nicht nur die Reise- und Unterkunftskosten enthalten. Damit müssen auch alle Nebenausgaben wie z.B. Essengehen, Einkaufsbummel, Ausflüge und Trinkgelder bestritten werden.
Der Preis wird für die Auswahl eines Reiseziels immer wichtiger. Mit dem Urlaubsbudget haushalten heißt, sparsam mit Geld und Zeit umgehen können. Ein Karibikurlaub ist fast dreimal teurer (2.111 Euro) als ein Urlaub in Deutschland (747 Euro). Die große Kluft ist erklärbar: Eine Fernreise dauert einfach länger und belastet damit auch die Reisekasse mehr. Karibik- und USA-Reisen dauern im Durchschnitt 17 Tage, während Deutschlandurlauber nach 12 Tagen wieder zu Hause sind. Inlandsurlauber können derzeit in den ostdeutschen Feriengebieten am preiswertesten Urlaub machen (640 Euro), während ein Urlaub an der Nordsee (761 Euro) oder in den bayerischen Bergen (811 Euro) deutlich teurer ist.
Tourismusprognose 2005.
Mehr Aufbruchstimmung als Verunsicherung:
Deutsche wollen wieder mehr verreisen
4.000 Personen ab 14 Jahren wurden repräsentativ im gesamten Bundesgebiet nach ihren Reiseabsichten für 2005 gefragt. Das Befragungsergebnis überrascht: Es herrscht eine positive Grundstimmung vor. Ein Ende der Reiseflaute ist in Sicht. Deutlich mehr als im Vorjahr (2004: 41,8% - 2005: 45,2%) sitzen bereits auf gepackten Koffern und sind fest zur Reise entschlossen.
Überraschend gering ist auch der Anteil der Unentschlossenen (2004: 32,7% - 2005: 28,9%), die nicht wissen, ob sie dieses Jahr verreisen wollen. Offensichtlich wächst das Vertrauen in die nahe Zukunft wieder. Opaschowski: „Mehr Aufbruchstimmung als Verunsicherung ist angesagt: Die Deutschen wollen wieder mehr verreisen.“ 2005 wird nicht gleich ein Reiseboomjahr sein. Aber die Krisenstimmung ist überwunden. Und Reiselust darf man wieder zeigen, wenn man sie sich leisten kann.
Reiseziele 2005.
USA, Türkei und Skandinavien im Trend
![]() |
Reiseziele 2005 |
Befragungsinstitute:
Ipsos Deutschland GmbH/Mölln
Institut für Demoskopie/Allensbach
Aus: Forschung aktuell, Ausgabe 184, 26. Jahrg., 09. Februar 2005




normal
groß
sehr groß